10. 24h-Europalauf Hoyerswerda (Mitternachtsmarathon)


Marathon Nr. 66



16.06.2019

Startzeit: 00:00 Uhr

Startnummer: 49

Startgebühr: 35 EUR

Marathonauflage: 8

Start: Hoyerswerda, Lausitzbad am Gondelteich 

Ziel: Hoyerswerda, Lausitzbad am Gondelteich

Laufzeit: 06:57:44 h

HM-Zeit: 03:22:23 h

Pace: 09:47 km/min

Herzfrequenz: 69

Rundenanzahl: 46

Kalorienverbrauch: 3079

Finisher: 4 (Marathon)

Rang: 4 (Marathon)

Reisekilometer: 280

Temperatur (min): 17 C

Temperatur (max): 22 C

Wind: selten

Niederschlag: -

Wetterstand: bewölkt

Höhenmeter: 97



7 Stunden mentales Marathonwalken

46-mal 925-Meter-Runde um den Gondelteich herum

Mit seinem Versprechen von Manfred Grüneberg "Manne" konnte ich mit einer Erinnerungsmedaille beim Mitternachtsmarathon erhalten, dafür GROSSEN DANK!!!
Mit seinem Versprechen von Manfred Grüneberg "Manne" konnte ich mit einer Erinnerungsmedaille beim Mitternachtsmarathon erhalten, dafür GROSSEN DANK!!!

Diese einmalige Gelegenheit an dieser Nacht in Hoyerswerda hatte für mich wirklich gelohnt. Ich konnte etwas Neues im allgemeinen Marathongrundwissen experimentieren lassen und somit für mich klar eine wertvolle Erfahrung gesammelt. 

 

Als ich vor ein paar Wochen, wo ich krankgeschrieben war (Erkältung mit leichtem Husten), diese interessante Laufveranstaltung gelesen habe - ein kurzes Nachdenken und nach ein paar Email-Schreiben mit dem Veranstalter habe ich danach schon an diesem besonderen Mitternachtsmarathon angemeldet. Für mich war Deutschlands Marathon zu mitternächtlicher Stunde ganz sicher einmalig (glaube ich vorerst!?). Es war für alle Marathondebütanten sowie für erfahrene Läufer dafür geeignet, denn in diesem Wettbewerb gab OHNE ZEITDRUCK (das Ziel war 10 Stunden offen!!!). Deshalb fand ich mit diesem Zeitlimit sehr interessant und  ich stellte mir leicht vor, dass jeder seinen Traum den ersten Marathon zu verwirklichen könnte! Ein einziger Haken mit Sicherheit für alle Marathonneulinge war diese kleine Laufstrecke, die nur 925 Meter lang war, und das könnte zu einem langweiligen Lauf geben. Trotzdem habe ich mich bei diesem Mitternachtsmarathon sofort ohne Zögern entschieden. Ich wollte mal was Neues ausprobieren und das bedeutete also für mich, ich wollte für den Marathon mit 46 Runden um den Hoyerswerdaer Gondelteich herum gehe. Kein Lauf! Sozusagen war für mich eine neue Schnupperteilnahme als "Marathonwalker". Für dieses Konzept als Walker sah ich ein ideales Experiment für die Zeitanpassung. Mit dieser Info wollte ich danach mich gut besorgen, wie lange mich dafür ein Marathon in Gehschritten brauchte? Das könnte ich für meine baldige Teilnahme beim harten Deutschlandlauf 2019, bestehend für mich aus 8 Tagesetappen mit ca. 500 km, gut gebrauchen. Als erfahrener Rundensammler sah ich außerdem diese vielen Runden überhaupt kein Problem. Ich hatte noch viel Schlimmeres in meinem Marathonleben erlebt, wo ich 2017 beim 11. Hallenmarathon in Senftenberg mit 169 Runden (pro Runde 250 Meter lang!) als Marathonteilnehmer erfolgreich teilgenommen hatte.

Die Gemeinde Zeuthen feierte zehn Jahre Partnerschaft mit Interlaken aus der Schweiz. An dem Samstagnachmittag, dem 15. Juni 2019, war die Feier im Festzelt am Miersdorfer See für alle aufgerufen und das passte für mich wirklich wunderbar. Ich war auf die schweizerische Gemeinde Interlaken bis heute immer noch sehr dankbar. Im letzten Jahr bot Gemeinde Interlaken, ein traditioneller Urlaubsort im bergischen Berner Oberland in der Zentralschweiz mit 5.500 Einwohner, eine Einladung für zwei Zeuthener Marathonläufer beim 26. Jungfrau Marathon und ich war einer von den beiden der glückliche Teilnehmer. Es war eine wunderbare, unvergessliche Teilnahme und darum wollte ich bei diesem zehnjährigen Bestehen dieser Partnerschaft der beiden Gemeinden vor Ort erscheinen, um diese supernette Delegation aus Interlaken noch einmal ein herzliches Dankeschön zu zeigen. Es hatte sich wirklich gelohnt und auf mein Kommen mit meiner Frau Sabine hatte sich der Gemeindepräsident von Interlaken Urs Graf sowie seine Mitarbeiter*innen und Zeuthens Bürgermeister Sven Herzberger sehr gefreut. Bewusst habe ich auch das schwarze T-Shirt, ein tolles Geschenk vom Zeuthener Bürgermeister vor meiner Jungfrau Marathonreise, mit angezogen und diese Auswirkung hatte allen Gästen wunderbar zu diesem Samstagnachmittag gepasst. Ich musste auch noch lachen und fand prima von den Gemeinde-Mitarbeitern. Sie hatten mich auf meine weiteren Laufpläne nachgefragt, denn sie kannte mich als leidenschaftlicher Marathontourist im Laufkostüm gut, wo sie auch mein schöner, langer Laufbericht über den Jungfrau-Marathon aus dem Laufblog gut gefallen hatte. Über den Mitternachtsmarathon Hoyerswerda waren sie erstaunt, dass ich in sieben Stunden dort meine Marathonteilnahme in Gehschritten beteiligen wollte. Ebenso waren sie mit meiner großen, unberechenbaren Herausforderung beim baldigen Deutschlandlauf 2019 erstaunt und sie wünschten mir viel Glück. Bevor ich nach einer Stunde wieder nach Hause gehen wollte, war ein Gruppenfoto mit den Bürgermeistern beider Gemeinden für mich die selbstverständliche Pflicht.


Locker habe ich für meinen baldigen Start schon eingepackt und ich fuhr allein mit dem Auto nach Hoyerswerda. Es war von Zeuthen über 140 km weit entfernt und ich wollte gegen 22 Uhr vor Ort ankommen, um dann noch ein Bild möglichst bei der leichten Dunkelheit zu bekommen. 5 Tage vor dem Start habe ich mal in der Starterliste noch einmal nachgeschaut, vielleicht könnte einige bekannte Läufer*innen dabei zu finden? Tatsächlich war ich erstaunt darüber, als ich oben auf der ersten Liste für 24-Stunden-Ultralauf den bekannten Namen gefunden. Das war NELE ALDER-BAERENS und eine sehr bekannte, gehörlose Mittel- Langstrecken- und Ultraläuferin. Sie hatte mehrmals viele Rekorde gebrochen und ihre unglaubliche Rekord-Liste:

  • Marathon: 2:46:07 h, 26. September 2013, Berlin  (Gehörlosen-Weltrekord)
  • 50-km-Straßenlauf: 3:20:33 h, 5. März 2016, Berlin  (Weltjahresbestleistung)
  • 100-km-Straßenlauf: 7:22:41 h, 8. September 2018, Sveti Martin na Muri (Kroatien) (Gehörlosen-Weltrekord)
  • 6-Stunden-Lauf: 85,492 km, 11. März 2017, Münster (Weltrekord)
  • 12-Stunden-Lauf: 148,141 km, 18. Mai 2019, Basel (Schweiz) (Deutscher Rekord)
  • 100 Meilen-Straßenlauf (161 km): 13:35:31 h, 6. Oktober 2018 Rothenburg an der Tauber (nicht bestenlistenfähige Strecke)

Nele Alder-Baerens gehörte außerdem von 1998 bis 2006 der deutschen Gehörlosen-Mationalmannschaft und ihre weitere Erfolge waren Silber im 800-Meter-Lauf in Rom bei den 19. Sommer-Deaflympics 2001, sowie 2005 in Melbourne bei den 20. Sommer-Deaflympics Gold im 5000-Meter-Lauf und Bronze im 10.000-Meter-Lauf.  Weitere Platzierungen bei den Deaflimpics waren drei vierte Plätze in Kopenhagen 1997 mit der 4 x 400-m-Staffel und in Rom 2001 über 1500 m und nochmals mit der 4 x 400-m-Staffel in dieser Zeit stellte sie auch Europa- und Weltrekorde über 2000 m und 5000 m auf. 

 

Für mich sowie die anderen in der Laufgemeinschaft aus aller Welt sicher eine interessante, erstaunliche Lauflegende! Hut ab vor ihrer bisherigen Laufleistungen... Deshalb freute ich mich auf ein Wiedersehen mit Nele in Hoyerswerda. Unser letztes Wiedersehen war am 4. März 2017 beim 25. Marburger Lahntallauf, wo sie als Helferin an dieser Laufveranstaltung war. Ihr aktueller Verein ist beim Ultra Sport Club Marburg.

Nachdem ich in Hoyerswerda gut angekommen war, war unterwegs auf der Autobahn die Abenddämmerung zu sehen. Am großen Parkplatz, wo ganz nah das Lausitzbad stand, sah man schon die vorbeilaufende Ultra-Läufer*innen und das müsste sicher für den 24h-Stundenlauf sein. Einige Minuten später kam Nele plötzlich aus meiner Nähe vorbei und ich gab ihr mein Winkzeichen. Leider hatte Nele mich nicht erkannt. Kein Wunder, es war sowieso um diese Abendzeit für sie schon dunkel und sie war seit ihrer frühzeitigen Geburt stark kurzsichtig. Deshalb nahm ich für sie meine Rücksicht

und ihr auffälliges Laufblick zeigte mir eindeutig, sie war im fokussierten Blick bei ihrem langen Lauf. Ihr Start war schon an diesem Samstag in der Mittagszeit um 12 Uhr. Es war an diesem Zeitpunkt schon mit über 30 Grad sehr warm. Ein harter Schlag für alle Kilometersammler-Teilnehmer*innen! Nele war schon seit meiner Ankunft über 10 Stunden auf dieser kleinen Laufweg mehrmals unterwegs.

 

So schön und bunt hatte der Veranstalter an diesem Lauffest angerichtet. Ich ging mit kleiner Neugier durch den Gehweg, wo an beiden Seiten teils mit Absperrbändern zu sehen waren. An einer Gehwegseite standen ein paar weiße Pavillons und das waren das Veranstaltungsbüro sowie Verpflegungsstände. Ein stark beleuchtendes, großes Tafelschild zeigte uns die gelaufenen Runden und an den Startnummern konnte man leicht erkennen, wer und wie lange sie schon bisher gelaufen hatten?! So praktisch kann diese Laufveranstaltung aufstellen. Es erinnerte mich auch mit dieser elektronischen Zeittafel vom 11. Hallenmarathon Senftenberg. Über die Zeitlinie am Boden stand das auffällige, gelbe Banner oben aufgehängt und darin stand mit dem motivierenden Satz für uns: „Auf zur nächsten Runde!“ Das gefiel mir gut…

In der Ausschreibung gab uns bekannt, dass die 925-Meter-Seerunde rund um den Gondelteich in Hoyerswerda sehr flach sein sollte. Das "Gondelteich" konnte ich noch nichts sehen, da es schon dunkel war und ich habe bisher nur auf der Google-Maps-Satellitenkarte das Bild angesehen. Mit Geduld ließ ich mich einfach bis zur Morgendämmerung überraschen. Die Laufstrecke sollte aus feinst geschotterten, festen Wegen sein und das war für alle Teilnehmer*innen eine optimale Streckenbeschaffenheit.

 

In dieser Umgebung hatte ich genussvoll angesehen und noch viel Zeit bis zu meinem Start in der Mitternacht habe ich noch genug. Die Außentemperatur war noch für diese späte Abendzeit relativ warm. Mit dem Umziehen für meine Marathonteilnahme nahm ich mir noch Zeit und ich wollte unbedingt den Stand suchen, wo Neles Ehemann Matthias Baerens, der fast immer bei Neles Laufteilnahmen als Betreuer überall in Begleitung war, finden. 

Ich konnte leicht ihn erkennen und sein bescheidender Stand war ganz vorne vom Lausitzbad sogar beleuchtet erkennbar. Ein Zelt stand seitens und auf der Campingliege standen ein paar Blätter mit den aufgestellten Zeitabständen sowie eigene Trink- und Essverpflegung für Nele. Nach meiner persönlichen Vorstellung konnten wir locker mit der Gebärdensprache, die er auch etwas beherrschen konnte, kommunizieren. Alles verlief bei Nele nach gutem Laufplan und Matthias teilte mir augenzwinkernd, dass seine Frau Nele bisher schnell war und es könnte mit dem deutschen Rekord gut aussehen. Ich konnte es immer noch nicht glauben, immer wenn ich der Name "Nele" hörte, kamen meistens am Ende nach ihren bisherigen erfolgreichen Läufen nur noch Rekordwellen, egal wie es aussah und aus verschiedenen Laufdistanzen...

Nun hatte ich mich beschlossen, doch meine Startunterlagen abzuholen und dabei klappte unkompliziert. Ich bekam nicht nur die Startnummer, sondern auch den Zeitchip, mit dem an den Beinen festbinden sollte. Ich ging seelenruhig ins Auto und  für meinen Start habe ich mich schon etwas vorbereitet. Über eine Stunde habe ich noch Zeit und ich trank mein gekauftes Motivationsbier. Ich hatte kein Bedenken wegen kleinem Alkohol mit meiner Marathonteilnahme, denn mit meinem geplanten Walking bestand für mich keine Gefahr, diesen Mitternachtsmarathon nicht zu erreichen könnten.

Etwas habe ich mir Gedanken darüber gemacht, ob ich mal vorm baldigen Start meine Proberunde in Gehschritten machen sollte. Ich könnte dann ein besseres Vorstellungsbild erhalten, wie lang ich für eine Runde „walke“? Am Ende hatte ich mir anders vorgestellt und es war nicht so schwer.

An einigen Stellen auf dem Gehweg waren mit batteriebetriebenen Akku-Halogenstrahlern aufgestellt worden, das war für alle sicher gut und wir waren nicht nur im Dunkeln unterwegs. Pro Runde habe ich bei normalem Gehen dafür fast 9 Minuten gebraucht und für mich sah es ordentlich aus

15 Minuten bis zum Startschuss war ich schon mit Laufkostüm und Hut vor Ort und es gab einige lachende Gesichter. Sie fanden mich cool und trotz in der Dunkelheit war ich mit diesem Kostüm angewiesen, warum nicht? Was viele nicht wussten, meine typische Laufkleidung war immer meine Pflichtausrüstung auf ALLEN Wettkämpfen... Ich war außerdem sehr gespannt auf meine neue leichte Herausforderung als "Marathonwalker", ob ich jemals mit meiner mentalen Kopfsache durch mehrmalige Runden sowie die lange, dunkle Nacht überstehen konnte?

 

Endlich konnte ich dem Cheforganisator Manfred Grüneberg alias "Manne" sehen und wir hatten vor ein paar Wochen unser Email-Schriftverkehr gemacht. In der Ausschreibung hatte ich gelesen, dass dort die Siegerehrungen für alle Teilnehmer aus allen Distanzen die persönliche Jubiläumszertifikaten und schöne Sachpreisen bekommen werden. Für mich war es vollkommen in Ordnung, was jeder Veranstalter für bestimmte Siegerpreise verteilt möchte? Als leidenschaftlicher Medaillensammler, egal wie schwer, wie groß oder aus welchem Material die Medaillen bestand, war das für mich beim 10. 24h-Europalauf eine Teilnahme ohne Medaille nie in Frage und da versuchte ich trotzdem bei ihm mit meiner bescheidenden Frage meinen kleinen Glück. Lockere Frage hatte ich ihm gestellt und wollte bei ihm wissen, ob dort TROTZDEM die Finishermedaille gäbe? Überrascht war ich mit seiner freundlichen Rückmeldung und konnte wirklich selbst nicht glauben. Er sicherte mir zu, dass ich der EINZIGE mit Medaille wäre und er gern für meinen Wunsch erfüllen wollte (siehe Foto unten). Nun war meine Vorfreude groß und mit diesem positiven Versprechen habe ich für diesen Mitternachtsmarathon angemeldet. Überall auf allen Marathonwettbewerben schaute ich immer zuerst die Ausschreibungen mit den Siegerehrungen, bevor ich mich für die Läufe anmelde. Aus meiner guten Erfahrungen boten ca. 30 % aller Veranstalter für die Marathonstrecken OHNE Erinnerungsmedaillen (bei HM habe ich nicht nachgeschaut bzw. nachgefragt!). Manche waren die Startgebühren auch teils nicht preiswert und da fand ich für mich nicht angemessen normal. Trotzdem konnte ich bis heute seine eigene Entscheidungen. Für mich wäre ein teilgenommener Marathonlauf ohne Medaille wie ein Fernseher ohne Fernbedienung! In meinem Hobbykeller hängen viele erhaltene Marathonmedaillen bis heute noch und wenn ich eine bestimmte Medaille beobachte, hatte jede Medaille für mich eine bestimmte Marathongeschichte und die konnte ich gern oftmals kurz zurückblicken. Das hatte bei mir bisher immer wieder Freude zurückgegeben. Egal, ob es ein guter oder schlechter Marathontag war, die Erinnerung gab mir feste Zuversicht für die weitere Marathonsammlungen...  

Manne sammelte uns alle vier männliche Marathonteilnehmer auf und wir gingen ein Stück weiter bis zur beleuchtende Stegbrücke. Das war unser Startpunkt für den nächtlichen Marathonteilnehmer. Kurzes Briefing von Manne und schon pünktlich um die 0 Uhr war der Start für uns freigegeben worden. Ab da begann 

für mich die erstmalige Marathonreise in normalen Gehschritten und ich war an diesem Ablauf darauf sehr gespannt. Weit und breit war der Blick in der Dunkelheit trotz einigen Halogen-Beleuchtungen für uns irgendwie die Leere... Die drei anderen Marathonis liefen los und ich war schon sofort der Letzte...

Die erste Stunde war für mich alles noch frisch und interessant, man konnte doch im Dunkeln etwas voraussehen und viele Male hatten die 24-Std-Läufer*innen sowie Marathonis überholt. Einer hatte mich nach zwei Runden gefragt, ob bei mir alles okay war? Ich nickte ihm zu und erklärte, dass ich mein Versuch als Marathonwalking auf dieser Strecke teilnehmen wollte. Nach zwei lockeren Laufstunden wurde ich etwas bemerkbar müde und ich musste meinem Körper immer wieder auf Trab halten. Kein Wunder, bei der monotonen Gehaktivität war mein Körper automatisch in dieser Nachtzeit im gewöhnlichen Schlafmodus. Ein paar Male hatte Nele mich überholt und ich hatte von Anfang an schon entschieden, dass ich die Aufzählungen von Neles Überholen mitmachen sollte. Etwas Unterhaltung brauchte ich bei dieser einsamen Nachtwanderung schon.

 

Das Interessante an dieser Laufveranstaltung war es für mich, dass wir alle nach 925 Meter die Verpflegungsmöglichkeiten bekommen hatten. Ich konnte bei meiner Verpflegung (Essen und Trinken) auch unterwegs beim Walken mitnehmen bzw. aufnehmen. Das konnte man beim Laufen nicht locker mitmachen und deshalb war das meine neue Erfahrung. 

 

Auf die Uhr brauchte ich nicht viel nachzuschauen, wie "schnell" ich beim Mitternachtsmarathon war. In meinem Hinterkopf hatte ich schon das Zielzeit von 10 Stunden fest abgespeichert und somit für mich eine lockere Sicherheit. Immer wenn ich durch die volle Runde vorbeiging, sah ich Matthias mit seiner professionellen Vorbereitung für Nele an seinem Platz. Ab und zu mal zeigte er die volle Rundenzahl für seine Frau an und er achtete auch immer wieder darauf aus der Ferne, wann Nele durch die Zeitlinie vorbeilief?! Sie sollte ja alles bekommen, was sie von ihrem Ehemann wünschte, z.B. selbstangefertigte Spezialgetränke, kleines Gebäck oder ähnliches!?

Bis in der Morgendämmerung war wenig los auf der Strecke. Ein paar Angler hatten sich seit gestern schon nahe am Gondelteich seinen Platz gefunden und erst in der späten Nacht schliefen sie mit seinen Kindern im Freien. Das konnte ich sie mit Hilfe der beleuchteten Halogenstrahler etwas erkennen. Mit dem Walktempo hatte ich keine Probleme und ich war immer im dauerhaften Genuss-Modus. Üblicherweise videochatte ich ab und zu mal mit meiner Frau Sabine sowie mit meinem gehörlosen Lauffreund Gogo auf allen Marathonläufen und diesmal war es nicht möglich, denn es war dunkel und um diese Uhrzeit waren alle sowieso im Schlaf.

 

Die Akku-Halogenstrahler gingen mit der Zeit aus und einige Zeit später wurde sie vom Helferteam wieder mit neuen aufgeladenen Batterien aktiviert. Das nannte ich dem wunderbaren Service und das hatte ich woanders noch nie erlebt. Gegen 3 Uhr, wo Nele schon 15 Stunden bisher gelaufen war, zeigte ihr Mann Matthias die erreichten 180 Runden und ich war wirklich sprachlos. Nele lief wie ein stabiler, ruhiger Motorwagen ohne erkennbare Bremsfunktion, denn sie war nur noch laufend aktiv unterwegs und kein einziger Halt hatte ich bisher gesehen. Am Verpflegungsstand waren die freundlichen Damen durch die Nacht ebenfalls fleißig und sie bemühten für unser Wohl, es durfte nichts mit der kompletten Verpflegung fehlen. Für mich war das All-inklusive-Verpflegungsangebot überhaupt, denn es gab sehr viel im Angebot, mit allem was das Herz beging...z.B. Kuchen, Kaffee, alkoholfreies Bier, Bratwürste, belegte Brote / Brötchen und sogar in der Morgenzeit mit Marmelade/Nutella-Brötchen und, und, und....

 

Die Sanitäreinrichtungen für alle Teilnehmer waren die mobile Toilettenkabinen im Start- und Zielbereich sowie im Lausitzbad zur Verfügung gestellt und eine laufende Wasserdusche nach der Startlinie stand ebenfalls zur Abkühlung da.


Der Himmel war so um die geschätzte 4:00 Uhr frühmorgens langsam die erkennbare Helle zu sehen und ich war wirklich froh, dass ich bald bei Tageslicht noch mehr sehen könnte. Da ich als gehörloser Mensch im Alltag auf Sehen angewiesen war, brauchte ich wie alle Hörgeschädigten unbedingt das Tageslicht. Sozusagen waren bis heute die Gehörlosen die klare bestätigte "Augenmenschen" und alles was sie mit dem Sehen als eigene Bilderkommunikation bekamen, waren seine notwendige Unterhaltung. Das betraf mich auch, als ich mit einer speziellen Erfahrung zum ersten Mal bei mir den Klick bekommen hatte. Beim 100 Meilen Berlin 2018 (Der Mauerweglauf Berlin) war ich als zweiter Ultraläufer für 2er-Team mit 70 km fast durch die Nacht unterwegs. Ich hatte trotz des Lauflichts an der Brust angezogen und dabei fühlte ich mich trotzdem mitten in der Nacht ganz alleine. Ich konnte mit keinem zusammenlaufen bzw. dabei etwas quatschen, denn ich hörte fast nichts und beim Mundablesen anderes Läufers störte mich die blendende Stirnlampe. Das war sehr brutal für mich und immer die Richtung zum Lichtkegel an dem Mauerweg fokussieren, das war rein pure Anstrengung. Mit dieser Mühe war ich schneller müde als bei diesem Mitternachtsmarathon. 

Diesen Vergleich mit diesen beiden Marathonwettbewerben habe ich erst bemerkt und deshalb war ich mit der aufkommende Tageshelle richtig überglücklich.

Nun konnte ich gegen 4:45 Uhr endlich das Gondelteich sowie seine Umgebung viel mehr kennenlernen. Das sah doch schön aus und etwas Laufstimmung war schon durch die Blicke da...

 

Gegen 5 Uhr morgens erreichte Nele schon die 200-Rundenzahl, wo ich bei fast 30 Kilometer bisher zu Fuß gegangen war. Unglaublich war sie immer noch weiter am laufenden Fließband bei dem gleichmäßigen Ultralauf! Eine halbe Stunde später kam die Sonne nach oben und es wurde für alle noch freundlicher...

Sehr erleichtert war ich schon kurz vor 7 Uhr am Morgen, als ich glücklich bis zum Ziel angekommen war. Manne beglückwünschte für meine erfolgreiche Marathonteilnahme und bekam dann die Urkunde sowie die wohl versprechende Erinnerungsmedaille. Ehrlich gesagt, ich war sehr froh darüber und bedankte ihm sowie sein Helferteam für die unermüdliche, herzliche Unterstützung. Mir hatte es alles wunderbar gefallen. Manne hatte wirklich als leidenschaftlicher Marathonläufer mit viel Herz und Seele für uns organisiert, also von Läufer für Läufer veranstaltet. Da konnte ich einfach nur meinen Hut abnehmen und nochmals HERZLICHEN DANK! Ich würde sehr gern für ihn Werbung machen. Man hatte alles an diesem Ort beim interessanten Laufwettbewerb bekommen und keiner konnte darüber klagen, wie ich es bisher dort gesehen habe.

 

Ich ließ mich erst richtig mit dem Frühstück kräftigen und ich sah immer noch weitere 24-Std-Läufer*innen, die zum größten Teil walken. Einige ließen seine Pause in seinen Wohnmobilwagen einlegen und die 24h-Zeit liefen trotzdem weiter. Es war die freie, eigene Entscheidung von allen, ob man weiterlaufen oder Pause einlegen wollte. Beim 24-Stundenlauf ging es nur darum, soviel wie möglich viele Kilometer zu sammeln.

 

Zwei Stunden später konnte ich im Lausitzbad gratis duschen und das war prima. Davor habe ich zufällig das Ultraläufer-Paar Hilal und Arne Funke getroffen und ich kannte sie von den Teilnahmen bei Berliner "Torpedo"s Laufveranstaltungen. Sie hatten beim 24-Stundenlauf mitgemacht und sie waren danach müde, mein Respekt an dieses Funke-Paar zeigte ich trotzdem.  

 

Noch eine bleibende Weile hatte ich ein gemütliches Plausch mit Matthias, dem starken, herzvollen Betreuer für Nele. Er war immer noch sehr aktiv und einmal hatte ich eine einfache Frage an ihm gestellt: "War Nele vielleicht gedopt?" Seine coole Antwort: "Nur seine Küsse war das Dopingmittel für die laufstarke Nele!" Lustig und schlagfertig war dieser Matthias. Danach meine zweite vorsichtige Frage an Neles Ehemann, ob sie den deutschen Rekord im 24-Stundenlauf schaffen könnte? Er nickte einfach mir zu, es könnte für Nele die Sensation geben. Darauf war ich etwas froh und ich gab natürlich dem Ehepaar Baerens viel Glück sowie die große Hoffnung. Mit meiner ersten Herausforderung als „Marathonwalker“ war ich unterwegs nach Hause sehr dankbar.

 

Später habe ich im Internet über "Manne" noch mehr herausgefunden. Er war damals auch ein leidenschaftlicher, fleißiger Marathonläufer und hatte bisher schon 100 Marathons absolviert. Nicht nur in Hoyerswerda, sondern überall bundesweit. Seit drei Jahren war er schon Mitglied im 100-Marathon-Club. Der Hoyerswerdaer Grüneberg ist dort einer von rund 300 Marathonis, deren Freizeit, das sah man schon eindeutig an seinen unendlich vielen gelaufenen Kilometern.  Heute war er dann schon 63 Jahre alt und seinen hundertsten und letzten Marathonlauf hatte er in der Senftenberger Niederlausitzhalle im Ende des Jahres bestritten und danach hatte er seiner Familie versprochen, es ruhiger angehen zu lassen. Heute lief er täglich nur noch einige Kilometer, damit mit dem Laufen für ihn gesund bleiben sollte. Damals war er ein klassischer Fußballer und hatte in der Reservemannschaft aus der Vorwendezeit beim BSG Aktivist Schwarze Pumpe gespielt. Da er eine Schwäche für Ausdauersport hat, rückten andere Sportarten in seinen Blick, Das Schwimmen, vor allem aber das ausdauernde Laufen. Grüneberg, der 2002 den Lausitzbad-Lauftreff gründete, war es, der in den 1990er-Jahren die Lauf-Euphorie in der Stadt schürte. Die mittlerweile etwas abgeebbt ist. Deswegen kannte er als erfahrener Marathoni die eigene Schmerzgrenze, mit dem Kampf dem inneren Schweinehund sowie auch nach dem erreichten Ziel die glücksverheißende Momente im Körper.

Einen Tag später habe ich Nele per WhatsApp nachgefragt, wie es mit ihrem kompletten 24-Stundenlauf ausgegangen war? Ich konnte aus dem Internet nichts über ihre Zielzeit finden. Von Nele danach die erfreuliche Nachricht: "Sie hatte den deutschen Rekord im 24 h-Lauf über 251,227 km geschafft! Sie verbesserte damit den 26 Jahre alten Rekord von Sigrid Lomsky von 1993 in Basel über 243,567 km, um deutliche 7,57 km.

 

Anschließend erfuhr ich auch noch, dass Nele vor einem Monat in Basel schon die deutsche Rekorde im 12 h- und 100 Meilen Lauf verbessert hatte. Das war ein Jahrhundertlauf, denn es hatte 26 Jahre gebraucht, bis Nele den deutschen Rekord von Sigrid im 24h- Lauf zu verbessern. Es könnte ganz sicher sein, dass es sich lange dauern wird, den Rekord von Nele zu verbessern? Es sei denn Nele verbessert ihn selbst und nur noch 11 km fehlen ihr zum Weltrekord!

 

Mit meiner Frau zusammen waren wir natürlich überrascht und auch stolz auf Nele darauf. Wir kannten Nele aus der damaligen Zeit in der Schwerhörigenschule, wo meine Frau wie Nele dort auch ihre Abiture gemacht hatten. Sie war schon immer sportlich sehr aktiv.

 

Nele hatte ihren kleinen Wunsch, dass wir in Kürze gemeinsam nach langer Zeit in Zeuthen, wo wir dort zurzeit wohnen und ihre Eltern ebenso, wiedersehen bzw. gemeinsam zum Essen gehen sollten. Begeistert waren wir sofort und wir hatten dann mit Nele schnell einen passenden Termin vereinbart. Ein großes Glück für uns, dass es schon um eine Woche später sich stattfinden sein sollte.

Für mich war das selbstverständlich, dass ich die Gehörlosen-Gruppe "DEAF MARATHON aus dem WhatsApp sofort von Neles Rekord weitergeleitet hatte. Die meisten kannten auch Nele gut und alle waren wie Nele ebenfalls mit der Laufwelt verbunden.

Über ihren unglaublichen, großen Erfolg waren sie genauso sehr froh und glücklich darüber. Mit diesem Erfolg sah für diese Gruppe eindeutig, dass Nele als hörbehinderte Läuferin doch mit dem sportlichen Leistungsniveau zu den hörenden Welt der Ultraläufer sogar um ein Stück besser aufgestellt hatte. Ich habe allen Gruppenanwesenden auch mitgeteilt, dass Nele bald zu einem Wiedersehen kommen wollte. 

 

Später bei meiner Arbeit in der Buchbinderei fiel mir dann ein, warum sollte Nele nicht nur von den normalen, hörenden Welt, sondern auch von ihrer Gehörlosenwelt die große Anerkennung bekommen? Mein kleiner Vorschlag an die "Deaf Marathon"-Gruppe, jeder könnte freiwillig eine kurze Videobotschaft an Nele mitmachen. Im Prinzip sollte eine Videobotschaft mit ihren Gratulationen für ihren großen, einmaligen Erfolg besorgt werden

und fast alle waren sehr bereit, diese Videos in Gebärdensprache mitzumachen. Damit hätte ich wirklich nicht gerechnet, dass fast alle in dieser Gruppe das Vorbild und Fairness gezeigt hatten. Super! Davor habe ich  an meinem liebenswerten Lauffreund Georgios alias "Gogo" gefragt. Als leidenschaftlicher Technikfreak bis heute konnte er uns vielmals mit dem Technikwissen unterstützen, wenn es um Not ging… Er war sehr bereit und alle aus dieser Gruppe waren wir ihm sehr dankbar für die große Hilfsbereitschaft. Ohne ihn hätten wir keine andere Möglichkeit, eine selbsterstellte Videobotschaft zu basteln.

An dem Sonntag kam Nele locker direkt zu uns ohne Schwitzen von ihrem normalen Trainingslauf an, wo sie von Berlin bis Zeuthen für 34 km mit dem Laufen brauchte. Wir waren mit dem ultracoolen Auftreten von Nele sehr fasziniert und wir konnten uns dann nun bestätigen lassen, sie hat pures Läuferblut. Laufen war bis heute noch ihr alltägliches Lebenbestandteil. "Ein Tag ohne Laufen ist für Nele ein verlorener Tag." So könnte mein Spruch für Nele wunderbar passen.

 

Für Nele war die Videobotschaft mit den riesengroßen Gratulationen aus der DEAF MARATHON-Gruppe eine große Überraschung und sie bekam am Ende die allerbeste Freude das Gänsehaut-Feeling. Da hatte sie richtig ohne Wenn und Aber voll verdient! Mein Dankeschön auch an allen, die fürs Video mitgemacht hatten... Für meine Frau sowie für mich blieb mit diesem harmonischen Wiedersehen mit Nele ein unvergessliches Erlebnis.

Tolle Videobotschaft mit den Gratulationen für Nele


Strecke (Route)


Kommentare: 1
  • #1

    Georgios Gerasimou (Montag, 15 Juli 2019 05:38)

    Ein tolles Bericht