18. Remscheider Röntgenlauf


Marathon Nr. 53



28.10.2018

Startzeit: 09:30 Uhr

Startnummer: 4006

Startgebühr: Geschenk

Marathonauflage: 18

Start: Remscheid-Clemmenshammer, Morsbachtalstraße

Ziel: Remscheid-Hackenberg, Sportzentrum

Laufzeit: 05:47:27 h

HM-Zeit: 02:46:43 h

Pace: 08:16 km/min

Herzfrequenz: 138

Rundenanzahl: 1

Kalorienverbrauch: 3625

Finisher: 161

Rang: 113 von 122 (Männer)

Zeitverschiebung: -

Reisekilometer: 924

Temperatur (min): 4 C

Temperatur (max): 6 C

Wind: gemischt

Niederschlag: -

Wetterstand: bewölkt

Höhenmeter: 852



Das Trio der Kurfreunde

Gemischte Achterbahngefühle im Bergischen Land

Gute Kurfreunde vorm morgigen Marathonstart...
Gute Kurfreunde vorm morgigen Marathonstart...

Ich konnte mich noch sehr gut erinnern, als ich in der Kurzeit vor über drei Jahren im bayerischen Allgäu bei der Therapiesitzung dem gehörlosen Wuppertaler Dieter gesehen bzw. angefragt habe. Er hatte sein weißes T-Shirt mit dem Aufdruck "Röntgenlauf" bei sich. Er berichtete mir, dass er dort einige Male beim Halbmarathon dabei war und diese Laufstrecke war für ihn sehr hügelig. Ich war noch in dieser Zeit ein junger, unerfahrener Marathonneuling (bisher nur zwei Marathonteilnahmen) und ich kannte diesen Röntgenlauf noch nicht. In diesem Zeitpunkt zeigte Dieter vor mir den großen Respekt, dass ich als "Spätzünder" den ersten Marathonlauf geschafft habe. Meine erste Marathonpremiere beim 16. Dubai Marathon war ich im Alter von 41 Jahren am Start gewesen. Den großen Dank ging an meinem gehörlosen Freund Steffen H. aus Berlin, selbst ein leidenschaftlicher Marathonteilnehmer im Rollstuhl und er nur mit einem Arm auf der ganzen Marathonstrecke rollte. Er hatte mir gut überzeugt, ich sollte auch die Königsdisziplin mitmachen und durch ihn konnte ich meinen Mut bewiesen. Somit war die Tür für meine Marathonwelt für immer geöffnet und bis heute konnte ich über 50 Marathonteilnahmen locker absolvieren. 

 

Gleichzeitig vor der Therapiesitzung hatte Dieter mir versprochen und zwar, er möchte bis zu seinem 60. Geburtstag einmal im Leben den Marathon miterleben. In seinem jungen Alter hatte er als aktiver Läufer viele Erfolge in der Gehörlosen-Leichtathletik bekommen. Viele Male Rekorde (3x 1000 m in der Halle, 2x Welt-, Europarekorde, mehrere Deutsche Rekorde in den 4x 800 m und

4x 1500 m Staffeln) sowie mehrmalige Deutscher Gehörlosen-Leichtathletik-Meister (Jugend, Männer und Senioren) hatte er geholt. Genauso habe ich vor ihm Respekt! Ich war erstaunt auf sein Versprechen und ich glaubte ihm auch sicher.   

Einige Jahre später kam für mich dann zu diesem aktuellen Thema „Röntgenlauf“ zufällig wieder. Dieter war dann soweit mit seiner Entscheidung, den ersten Marathon für ihn teilzunehmen. Er fragte im März direkt zu mir, ob ich bei seiner ersten Marathonpremiere beim 18. Röntgenlauf dabei sein und mit ihm zusammenlaufen möchte? Für ihn war der Remscheider Röntgenlauf nicht weit von Wuppertal für ihn. Da ich ein leidenschaftlicher Marathonsammler bin und oftmals konnte ich bisher für eine Marathonteilnahme schlecht ablehnen. Außerdem war dieser Röntgenlauf schon lange in meiner Wunschliste und für mich war es auch selbstverständlich, dem Marathonneuling wie Dieter meine volle Unterstützung beim Laufen anzubieten. Ich war richtig erstaunt von Dieters Mut, sein Marathonlauf bei dieser Laufstrecke zum ersten Mal mitzumachen. Der Röntgenlauf war bisher für alle Teilnehmer*innen oftmals sehr anspruchsvoll aufgrund der vielen geschwungenen Hügeln. Er meinte trotzdem zu mir, dass sein erster Marathon unbedingt in seiner Heimat sein sollte und das war nur der Röntgenlauf möglich. im Frühjahr hatte er für uns zusammen die Anmeldungen schon ausgeführt und meinen Startplatz übernahm er auf sein Kosten. Ein herzliches Dankeschön! Im Frühjahr 2017 habe ich ihm beim Berliner Halbmarathon eingeladen und wir waren gemeinsam beim Lauf unterwegs. Deswegen wollte er mir mit diesem Marathon wieder gut machen.  

 

Unser gehörloser Lauffreund Berliner Robert hatte von uns später mitbekommen und er zeigte ebenfalls sofort sein Interesse. Somit waren drei gehörlose Marathonis dorthin angemeldet und das war für uns toll, denn alle waren rein zufällig in der gleichen Zeit bei der Kur. Eine interessante Seltenheit für mich war das komplette Trio der Kurfreunde am Marathonstart und diese beiden Männer wurde DURCH MICH Marathonläufer geworden. Das freut mich unheimlich sehr!!! Deswegen stimmte auch, dass Laufen mit jemanden verbindet....

 

Geplant wollte ich mit meiner Frau, die als begleitende Zuschauerin mitreisen wollte, schon am Freitag nach Wuppertal mit der Bahn reisen. Aber bei Robert war das nicht mit der Freitag-Reise möglich, das hatte seine berufliche Gründe und wir blieben bei der verständnisvollen Freundschaft mit ihm. Das hieß, ich habe für alle drei gleichzeitig die Zugfahrkarten für uns besorgt. Das war für uns selbstverständlich!

 

Am frühen Samstagmorgen waren wir fast 4 Stunden im ICE-Zug unterwegs nach Wuppertal und die Fahrt verlief mit ganz kleiner Verspätung reibungslos. Dieter holte uns vom Wuppertaler Hauptbahnhof ab und möchte uns eine kleine Stadtrundfahrt gern begleiten. Vorher hatte Dieter mit mir schon etwas über seine Vorschläge für die kleine Stadtbesichtigung besprochen. Ich war damit einverstanden. Mit seinem Auto fuhren wir bis zum Anfang der gesamten Strecke "Oberbarmen Bahnhof" von der Wuppertaler Schwebebahn. Für Robert war das erste Mal mit der Schwebebahn. Mit meiner Frau waren wir schon zweimal in Wuppertal, das hatte auch mit den sportlichen Ereignissen zu tun. Das war bei uns bei den Deutschen Gehörlosen-Bowling-Pokalmeisterschaften und bei mir einmal wegen Gehörlosen-Leichtathletik-Sportfest. Das war aber schon lange her.

Bildquelle: Wikipedia

Seit 1901 ist die Wuppertaler Schwebebahn ein eröffnetes Personennahverkehrssystem in Wuppertal und gilt bis heute noch als Wahrzeichen dieser 354.000-Einwohnerstadt. Sie steht seit dem 26. Mai 1997 unter Denkmalschutz. Wuppertal ist die größte Stadt und das Industrie-, Wirtschafts-, Bildungs und Kulturzentrum des Bergischen Landes. Sie liegt südlich des Ruhrgebiets und ist als siebzehntgrößte Stadt Deutschlands eines der Oberzentren des Landes Nordrhein-Westfalen.

 

Dieter ließ uns bei der gemütlichen Fahrt mit der neuen Schwebebahn (4. Modellreihe) ein wenig diese Sehenswürdigkeit sowie die Geschichte der Stadt Wuppertal erklären. Das war für uns schon interessant. Gut zu wissen war von ihm auch, dass diese Stadt zum 1. August 1929 durch Vereinigung der kreisfreien Städte Elberfeld und Barmen (beide Großstädte seit etwa 1884) sowie der Städte Ronsdorf, Cronenberg und Vohwinkel unter dem Namen Barmen-Elberfeld als kreisfreie Stadt gegründet und im Jahre 1930 nach einer Bürgerbefragung in Wuppertal umbenannt. Somit wurde die geografische Lage der Stadt am Flusstal zum Ausdruck gebracht.

 

Für uns blieb die angenehme Hin- und Rückfahrt mit der Schwebebahn in guter Erinnerung und danach fuhren wir zur "Müngstener Brücke" hin. Diese Brücke (ehemals Kaiser-Wilhelm-Brücke) ist die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands. Sie überspannt zwischen den Städten Remscheid und Solingen in 107 Metern Höhe das Tal der Wupper in unmittelbarer Nähe des Haltepunkts Solingen-Schaberg. Sie ist Teil der Bahnstrecke Wuppertal-Oberbarmen-Solingen und wird im Regelbetrieb von der S-Bahn-Linie S7 der S-Bahn Rhein-Ruhr, genannt "Der Müngstener" (KBS 458) befahren. 

 

Das war wieder ein toller Ausflug von Dieter und dafür unser herzliches Dankeschön für seine Mühe als kleiner Stadtführer.

Noch an diesem Samstagabend wollten wir alle drei Männer bei der Startnummernausgabe zum Sportzentrum Hackenberg, wo wir fast eine halbe Stunde mit dem Auto hinfahren mussten. Neben dem Sportzentrum war auch ein Sauna- und Badeparadies "H2O" zu finden. Hackenberg ist ein Stadtteil von Remscheid und gehört zum Stadtbezirk Lennep. Er liegt nordöstlich von der Lenneper Altstadt- Im Osten grenzt Hackenberg an die Wuppertalsperre. Im Süden liegt der statistische Stadtteil Henkelshof, in dem sich das Schul- und Sportzentrum befindet. (Quelle: Wikipedia)

 

In der großen Turnhalle war der Überblick für die Startunterlagen-Abholung gut übersichtlich aufgestellt. Jeder bekam zusätzlich vom Veranstalter Röntgen Sport Club Remscheid ein schönes, weißes Röntgenlauf-Shirt. Die Abholabwicklung war schnell und unkompliziert. 

 

Unter allen Voranmeldern wurden in einer Tombola 300 Preise verlost und die Losnummern waren nach den Startnummern an der Wand aufgestellt. Wir hatten an dieser Tombola kein Glück und damit konnten wir trotzdem gut leben.

 

Es wurde uns vom Veranstalter auch hingewiesen, dass aus Sicherheitsgründen in diesem Jahr ausschließlich nur unsere offiziell ausgegebenen Kleiderbeutel verwendet wurden. Andere Taschen oder Rucksäcken konnten auf den LKW leider nicht angenommen werden. Diese weiße Kleiderbeutel waren relativ groß und wurden bei der Ausgabe der Startnummern ausgehändigt.

Auf der anderen Turnhallenseite waren die Aussteller sowie die Pastaparty zu sehen und Robert spendierte uns das Nudel-Essen sowie die Softgetränke. 

 

Was wir vorher schon aus der Webseite vom Röntgenlauf erfahren hatten, dass beim 18. Röntgenlauf für den Bergisch-Land-Marathon ein neues Marathon-Konzept mit neuer Strecke geben sollte. Damals war der Start für Marathonis am Sportzentrum Hackenberg und diesmal sollte erstmals im Clemmenshammer gestartet werden. Das war dann ein Ziel für alle Halbmarathonteilnehmer*innen. Diese Wohnstelle Clemmenshammer liegt im Norden von Remscheid nahe der Stadtgrenze zu Wuppertal. 

 

Zum gemeinsamen Ziel auf dem Röntgenweg waren für die (Ultra-) Marathonläufer/innen sowie Staffeln am Sportzentrum Hackenberg. So konnten wir an diesem Abend ein wenig vorher diese Ortschaft kennenlernen. Nun waren wir alle in bester Laune und freuten uns schon auf den morgigen Tag, vor allem für Dieter mit seiner Marathonpremiere.

 

Das Gute bei diesem Röntgenlauf war so, dass man unterwegs beim 63-km-Lauf sich selbst entschieden konnte, ob man bis zum Halb- oder Vollmarathon zurücktreten möchte und dabei wurde dann in einer getrennten Wertung aufgestellt. Das fand ich wirklich ein tolerantes Angebot vom Veranstalter und somit ideal für Ultra-Laufeinsteiger sehr gut geeignet.

Für uns war wirklich ein großes Glück, dass Dieter in Wuppertal-Cronenberg wohnte und das bedeutete also, dass der Startort in Clemmenshammer bis Dieters Wohnort ungefähr 3,5 Kilometer entfernt war. So konnten wir etwas Zeit beim Frühstücken nehmen und Dieter war an diesem Morgen schon etwas aufgeregt. Das war ganz normal für seine erste Marathonpremiere. Wir hatten am gestrigen Abend schon für unsere Teilnahme alles gut vorbereitet. Dieter konnte für seinen ersten Marathon gut ausrüsten lassen und er hatte von mir gute Tipps bekommen, was man das Notwendigste brauchte. Da an diesem Sonntag die aktuelle Winterzeit-Umstellung war, hatten wir glücklicherweise um eine Stunde mehr Schlaf bekommen. 

 

Mit dem Auto brauchten wir nicht lange hinzufahren und 1 km vorm Startort an der Morsbachtalstraße ließ Dieter sein Auto nahe dem Café-Restaurant "Haus-Zillertal" parken, denn man konnte leider nicht weiter durch das Waldgebiet fahren. Dieters Frau Susanne sowie meine Frau waren mit uns in Begleitung unterwegs und für unser Countdown zählte schon... Persönlich habe ich ein gutes Gefühl bei diesem hügeligen Lauf und das Wetter sollte wunderbar gut mitspielen, auch wenn es schon unter plus 5 Grad war. Es war mit Sicherheit für alle ein angenehmeres Laufwetter und man sollte nicht vergessen, es war ja Herbst. 

 

Im Sommer habe ich meinem Kurfreund Dieter ausdrücklich gesagt, dass für einen ordentlichen Marathonlauf nur mit einem disziplinierten Trainingsplan mitmachen könnte und ich gab ein paar gute Trainingspläne, wo diese Pläne für ein gutes Ankommen im Marathon bestimmt war. So hatte Dieter in den letzten drei Monaten sehr gut im Training mitgehalten. Ab und zu mal hatten wir im Videochat über das Thema "Marathontraining" kommuniziert. Das klappte wunderbar und ich war wirklich froh, dass er seinen Willen auch im Training gezeigt hatte. Deshalb hatte ich vorm baldigen Start beim Röntgenlauf ein gutes Gefühl  bei ihm und trotzdem habe ich ihm aus meiner Erfahrung kurz gesagt, es blieb immer ein kleines Risiko. Jede Marathonteilnahme hatte bei ALLEN immer viele unterschiedliche Ereignisse, wo man nicht vorhersehen konnte. Einfach positiv denken und durchsetzen lassen! Vs

Bei unserer Ankunft in der Morsbachtalstraße stand ein auffälliger blauer Ständer, wo das Ziel für die Halbmarathon-teilnehmer*innen bzw. der Start für Ultra- und Vollmarathonis bestimmt war. Wir brauchten für unser Marathonstart nicht umziehen, das hatten wir schon nach dem Frühstücken in der Dieters Wohnung. So haben wir kein Zeitdruck sowie Hektik vor Ort. Ich ließ mich wie immer vorm Start ein wenig umsehen und brauchte ein paar Augenfutter für meinen Laufbericht. Wie alle kannten sicher, dass Fotos sowie Videos eine zusätzliche, bessere Informationsquelle als nur der Textbericht für alle Blogleser waren. 

 

Auf einmal fragte ein großer Mann bei mir, weshalb ich mit dem Laufoutfit hier ankam? Vor meiner Antwort gab ich ihm bekannt, dass ich gehörlos war und bat um die etwas langsamere Kommunikation mit Augenkontakt. So konnten wir ein wenig zum Thema kommen und ich stellte ihm auch persönlich meine gehörlose Mitläufer vor. Selbstverständlich gab ich bekannt, dass Dieter sein erster Marathon als geborener Wuppertaler teilnahm. Dieser sympathische Mann, namens Andreas Dach, war ein freier Sportjournalist für die Zeitung "Remscheider General-Anzeiger" und wir hatten ein angenehmeres Kurzinterview mit ihm. 

 

Einige Zeit später war ich sehr erstaunt darüber, als die gehörlose Läuferin Sigrid direkt zu mir kam. Sie war mit ihrem ertaubten Lebensgefährten Mario vom Waldfeucht-Haaren (Nordrhein-Westfalen) extra hingefahren und sie wollten uns überraschen lassen. Das war wirklich sehr schön für uns und diese beiden Gästen waren ebenfalls in der WhatsApp "Deaf Marathon". Meine liebe Frau hatte mit diesen beiden Besuchern schon vorher mit dieser gelungenen Überraschung super arrangiert. Sigrid lief mehrmals Halbmarathon und Mario war bis heute ein aktiver Triathlet, wo er auch schon 15 Marathons teilnahm.

 

Die Zeit verging vor dem Start sehr schnell und wir sollten uns schon am Startbereich langsam aufstellen lassen. Zu Dieter hatten wir einen guten Lauf gewünscht und wir wollten sowie möglich ihn während des gesamten Laufes unterstützen. Robert und ich waren der Meinung, dass er das schon gut mitmachen wird. 

 

Vorher hatte Dieter sein Handy an meiner Gürteltasche eingesteckt und ließ mit dem GPS-Standort über WhatsApp live verfolgen lassen, damit unsere Frauen ihr Überblick bei unserem Lauf bekommen sollten. 

Pünktlich ging der Start für Marathonis um 9:30 Uhr los und noch am Anfang konnten wir die gehörlosen Zuschauer sehen. Danach waren sie beim Kaffeeplausch im Café-Restaurant "Haus Zillertal" für ein paar Stunden.

 

Für Dieter begann dann eine herausfordernde Marathonreise. Nach ein paar Kilometer waren wir schon in den Bergischen Wald und wie wir uns auf der Streckenbeschreibung gelesen haben, führte uns diesen Röntgenweg einen abwechslungsreichen Rundweg rund um Remscheid mit vielen Ausblicken auf das Bergische Land. Der Weg führte durch kühle, bewaldete Täler, vorbei an Wasserhämmern sowie über sanft geschwungene Hügel, die atemberaubende Ausblicke über die bergischen Höhen erlauben. 

Der Röntgenweg ist ein Rundwanderweg, der die gesamte Stadt Remscheid umschließt und besitzt als Wegzeichen ein R im Kreis. 

Die Länge des Wanderwegs beträgt knapp 60 km. Es wurde nach dem Entdecker der Röntgenstrahlen, Wilhelm Conrad Röntgen, benannt und er stammt aus Remscheid-Lennep.

 

Nach ca. 3,5 km erreichten wir knapp die Stadt Wuppertal und für Dieter war das schon wie im Heimvorteil. Locker liefen wir in der aufgeteilten Gruppe weiter. Den ersten Verpflegungspunkt gab es nach 4 km und nur ein Schlückchen Wasser nahm ich ein.  


Video: Robert Gruchmann

Nach dem Verpflegungspunkt kam dann ein steiler Aufstieg für alle Teilnehmer und es erinnerte mich ein wenig bei meiner wunderschönen Teilnahme beim 26. Jungfrau Marathon. Es war ebenfalls so steil, dass man in Wanderschritten anfangen konnten. Alles noch im ordentlichen Ablauf für uns und nach 8,5 km erreichten wir in unmittelbarer Nähe die Müngstener Brücke. 


Videos: Robert Gruchmann

Robert teilte auf der Strecke kurz nach der Müngstener Brücke mir, dass er schon langsam vorwärts weiterlaufen und er kurz vorm Ziel sowieso auf uns warten möchte. Ich gab meinen Daumen hoch und ich blieb weiter an Dieters Seite. Nach meiner lockeren Beobachtung war er auf der halben Marathonstrecke gut fokussiert und ich bemerkte schon ein wenig, dass seine Kilometerzeit etwas langsamer als erwartet wurde. Kurz nach 10 km gab Dieter mir bekannt, dass er an seinen Mittelfüßen etwas Schmerzen hatte. Für mich war es schon eindeutig, dass es nach meiner Erfahrung kein gutes Zeichen, wenn man beim Marathonlauf im ersten Drittel der gesamten Strecke mit Schmerzen läuft. Ich sah trotzdem ein wenig Hoffnung und glaubte an sein Durchhaltevermögen. 

Immer wieder unterwegs in den farbenfrohen Wäldern und es gab abwechselnden Steigungen. Bei Anstieg gab ich Dieter oftmals meine Empfehlung, er sollte in lockeren Wanderschritten zu nehmen, um seine Kräfte für später zu schonen.

 

Als das Kilometerschild bei 20 km zeigte, schaute ich auf meine Sportuhr die Zeit von 2:38 Stunden und ich war schon erleichtert. So haben wir die Chance, über die Halbmarathondistanz beim 3-Std-Limit einzuhalten. Bei Nichteinhaltung würde uns dann aus dem Marathonrennen ausgeschieden und somit dann die Halbmarathon bewertet. Das wollte ich in diesem Fall nicht. 

 

Bevor wir fast die Halbmarathonmarke erreicht haben, sah ich schon aus der klarer Fernsicht einige Zuschauern sowie auffällige Absperrbändern. Dort war ein Freibad Eschbachtal, tief unten im Remscheider Wald und es war das älteste Freibad Deutschlands in verträumter Lage. Das 1912 eröffnete Freibad bestach jedoch nicht nur durch seine landschaftliche reizvolle Lage, sondern machte auch immer wieder mit interessanten Aktionen auf sich merkbar. Die Schiffsparade, bei der Modellbauer ihre Miniaturen durch das Becken lotsen, war längst ein Klassiker. Ebenso beliebt war das Hundeschwimmen, das Hundehaltern und ihren Tieren nach der Saison einen Ort gibt, wo die Tiere nach Herzenslust plantschen konnten.

 

Nach unserem Zwischenlauf bei dieser Halbmarathonmarke machten wir am Verpflegungspunkt etwas Trinkpause und meine vorsichtige Frage an Dieter war wieder, ob er sich noch mithalten konnte? Er nickte und trotzdem waren seine Fußschmerzen immer mehr zu ertragen. Ich gab ihm Mut, ab da sollten wir etwas einen Gang zurückschalten und wir haben noch genug Zeit. Das waren fast noch 3 1/2 Stunden bis zum Ziel und die Zielzeit war nach meiner Meinung erst mal unwichtig. Das Ankommen für Dieter sollte an erster Stelle die große Bedeutung sein.  

Bei knappen 23 km war die 1889-91 erbaute Eschbachtalsperre zu sehen und Dieter teilte mir, dass diese Talsperre in Remscheid die erste älteste Trinkwassertalsperre Deutschlands war und zugleich die erste Talsperre, die Otto Intze (deutscher Bauingenieur) baute, der die Wasserwirtschaft in Deutschland quasi im Alleingang revolutionierte. Der Eschbach ist ein linksseitiger Bach der Wupper in Remscheid und fließt durch das Eschbachtal, wo in der Eschbachtalsperre gestaut wird.

 

Vorbei an der Eschbachtalsperre kamen wir an einigen Kilometern den langen Feldweg, wo uns zum Teil mit starkem Gegenwind im Lauf bekamen. Das war für uns die gefühlte Kälte und in der Zukunft werde ich für mein Laufoutfit noch mehr gegen Wind und Kälte schützen lassen. 

 

Übers Videochat am Handy teilte ich meine Frau kurz mit, dass es bei uns alles noch im aktiven Lauf und Dieter weiter um sein erfülltes Marathontraum kämpfte. Dieters Frau Susanne sah ein wenig besorgt aus, als er zu ihr wegen seinen Fußschmerzen beschrieb. An Susanne gab ich etwas Mut zurück, dass er bis zum Ziel erreichen könnte. 

Zwischen 27,5 und 29 km waren wir auf einem "Panorama-Radweg Balkantrasse" und es war ein 2011 hauptsächlich auf der Trasse der stillgelegten Niederbergbahn eingerichteter Radwanderweg. Der Startpunkt dieses 39,5 km langen Radweges war ab Essen-Kettwig bis endet bis Haan (Kreis Mettmann). Dieser ehemalige Bahntrasse erinnerte mich an meiner Teilnahme beim 5. WHEW100 in der Disziplin "Run-and-Bike" im Mai 2018.

 

Dieter lief mit Fußschmerzen weiter mit mir und zur Ablenkung machten wir ab und zu mal ein Smalltalk. Ich gab ihm immer wieder Mut, dass er das schaffen könnte. Seine Kräfte wurden auch immer weniger und für mich war das klar normal. Er machte zuwenig lange Läufe, das bedeutete also öfters mal mindestens ab 25 -30 km im Training zu laufen. Er hatte das schon verstanden und würde in der Zukunft mehr daran teilnehmen.

Nach 30 km kamen wir zum vorletzten Verpflegungspunkt und das war für mich ein schöner Anblick. Es war ein Ort, wo mit viel kreativem Kunst zu sehen und diese seltsame Hühner, die sich frei herumliefen, hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen. Die Bedienung an diesem VP war sehr nett und es gab dort auch Kölsch-Bier im Angebot. Ich nahm zwei Gläser davon und Dieter blieb bei seiner normalen Verpflegung. Er staunte etwas, dass ich bisher unterwegs alles so locker war und mitten im Lauf noch Bier trinken konnte. Für mich war schon die normale Routine.

 

Nun begann für Dieter ernsthaft beim Laufen und musste bei 33 km unterbrechen. Er zog seine Laufschuhe aus und war vom Schmerzen befreiter, das hatte ich eindeutig bei seinem Blick erkannt. Ich schaute auf die Uhr und es war noch knapp genug Zeit da. Ein kurzes Gespräch mit dem Marathonneuling und seine Entscheidung war so, er würde es aufgeben oder noch weitermachen? Von meiner Seite sollte ich schon alleine weiterlaufen und an diesem Entscheidungspunkt war für mich nicht einfach gewesen, als Begleiter ihn zu verlassen. Nun habe ich dem Dieter große Hoffnung gegeben, er sollte trotzdem versuchen und bis zum Ziel ankommen. Er tat es mir sehr leid. Seine Schmerzen waren in der Übermacht und stärker als seinen Willen, deshalb musste er wirklich für sich eine kleine Pause einlegen.

Mit ein wenig schlechtem Gewissen lief ich etwas weiter und kehrte trotzdem zu Dieter zurück. Ich wollte sein Handy wieder zurückgeben, damit er bei seiner Frau vielleicht im Notfall Bescheid geben könnte. Aber er meinte zu mir, dass ich weiter in meiner Gürteltasche sein Handy tragen sollte. Anschließend schaltete ich einen Gang höher und lief etwas im Vollgas. Mit diesem Entschluss auf schnellerem Lauftempo wollte ich einfach mal versuchen, unter 6 Stunden zum Ziel anzukommen. 

 

Bei knappen 37 km war ein Panoramablick auf die Wuppertalsperre zu sehen. Danach ging es steil bergab und man sollte ab da sehr vorsichtig sein, viele Baumwurzeln waren mit den Laubblättern vollkommen verdeckt. An diesem Punkt entschied ich mich kein Vollgaslauf und dafür nur noch bescheidendes Ankommen. Ich hatte schon mit Hilfe meiner Sportuhr meine geschätzte Zielzeit im Voraus berechnet. Es könnte unter 6 Stunden für mich geben.

 

Schnell tippte ich auf meinem Smartphone an Robert, der sicher auf uns vorm Ziel wartete, eine kurze Mitteilung. Er sollte schon zum Ziel ankommen und dass ich alleine ohne Dieter unterwegs war. Er fand auch sehr schade, dass er wegen Fußschmerzen wahrscheinlich aufgeben musste.

Mein Ziellauf wurde immer näher und ich dachte immer wieder an den armen Dieter, wo er sicher aufgeben musste. So hatte ich nach meinem Einschätzen gerechnet und fand vollkommen sehr schade, dass mit seiner Marathonpremiere nicht klappte. Kurz vorm Ziel erkannte ich schon das Sportzentrum Hackenberg und die letzten Meter ins Stadion waren der stille Genuss.  Gut gelaunt  begrüßte der Streckensprecher jeden Finisher.

 

Einen traurigen Ziellauf hatte ich bisher in meiner Marathongeschichte noch nie. Ganz vorne waren Susanne sowie meine Frau und andere gehörlose Zuschauern leicht zu erkennen und ich gab sie dem negativen Zeichen für Dieter bekannt. Robert ließ mich am Ziel trotzdem trösten und wir konnten für Dieter nichts mehr machen.

 

Als Auszeichnung bekam ich ein Röntgen-Männchen. Hier war auch gleich die Zielverpflegung. Alkoholfreies Bier "Bergischer Sportsfreund", Röntgenschnecken und Knusperriegel gab es zur Verfügung.  Später bekam ich den schwarzen Poncho für den Kälteschutz.

Die gehörlose Triathletin Annett war überraschend auch vor Ort dabei und wenige Zeit später kamen Rano und seine Frau Erika nach, sie sind die gute Wuppertaler Freunde von Dieter und Susanne. Sie hatten sofort nach Dieter gefragt und sie waren ebenfalls mit seiner Situation erstaunt darüber. 

 

Susanne meinte zu mir, Dieter war trotzdem in der Nähe vom Zielbereich und ich war verwundert, so schnell könnte er nicht nachlaufen?! Susanne hatte ihr Handy in der Hand und durch die GPS-Liveverfolgung konnte sie die Umgebung etwas erkennen. Immer noch war ich beim Verwundern geblieben und ich habe durch Susanne danach mitbekommen, dass seine hörende Tochter Carina am Ziel auf ihren Vater gewartet hatte. Es sollte eine Überraschung für Dieter geben, denn sie kam von ihrem privaten Ausflug direkt mit dem Auto nach Remscheid nach. Aber leider wartete Carina vergeblich immer noch auf ihren Vater. Auf einmal fiel mir dann ein, dass ich das Handy von DIETER in meiner Gürteltasche habe und da haben wir uns alle ERST RICHTIG verstanden, dass Dieter NICHT in der Nähe am Zielbereich war. Die letzte Verfolgung von 9 km war nur MEIN LAUF zu sehen. Das war richtig lustig....

Carina ging etwas weiter vorm Zielbereich und machte sich selbst Hoffnung, dass ihr Vater trotzdem doch zum Ziel ankommen könnte. 

Kleine Unterhaltung mit unseren Bekannten über Dieter mit seinen Fußschmerzen, Doch dann kam Dieter aus unserer klarer Fernsicht mit seiner Tochter zusammen entgegen zum Ziel und mir fiel ein Stein vom Herzen. ER KAM, SAH UND SIEGTE!!! "Unglaublich, aber wahr!" So hatte ich immer wieder zu mir selbst gesagt...

 

Die Freudentränen von Dieter nach dem Ziel waren richtig für alle Anwesenden ein emotionales Mitgefühl. Er hatte mit seinem Marathontraum heldenhaft mit Schmerzen erkämpft, ein wahrer Kämpfer... Ehrlich gesagt, an seiner Stelle hätte ich als Marathonneuling nie geschafft und wäre zu einer Aufgabe entschieden.

 

Für Dieters großartige Laufleistung bei der Marathonpremiere musste ich meinen Hut abnehmen und setzte ihn respektvoll auf. Robert und ich waren wirklich auf ihn sehr stolz und zu ihm gab ich einen tollen Satz, wo es für ihn wirklich passte: "Schmerz vergeht, Stolz bleibt!" Er behauptete dann zu mir, dass er ohne meine moralische Unterstützung nie den ersten Marathon teilnehmen könnte. Das hatte mich wirklich gerührt und ich war auf alle Fälle froh, dass er die bekannte Königsdisziplin einmal mitgemacht hatte.  

Auf der Sitzbank wurde er von den Sanitätern die schmerzhaften Füße behandelt. Seine Frau Susanne sowie Carina waren besorgt an seiner Seite. Zum Glück konnte Carina für ihren Vater seine Gebärdensprache-Kommunikation mit den Sanitätern locker übersetzen lassen und das fand ich klasse. Sie ist von Beruf die staatlich anerkannte Gebärdensprachdolmetscherin.

 

Er wurde dann auf einer Trage ins Zelt gebracht und sollte etwas gründlich untersucht werden. Da es noch sehr kalt für alle war, gingen wir schnell zur Dusche / Umkleiden. Als wir damit fertig waren, waren die Bekannte sowie Dieter in der Turnhalle schon bei der gemütlichen Unterhaltung und seine Fußschmerzen waren nicht mehr zu spüren. Das freut uns am meisten und er hatte sich schon entschieden, dass er gern weitere Marathonläufe mitmachen wollte. Er fand meine Marathonläufe richtig entschieden, wo ich nicht auf Zeit, sondern nach Genuss lief. Seinen Respekt habe ich dankend bekommen, da ich aus den letzten drei Jahren schon über 50 Marathons teilgenommen habe. 

 

Einige Zeit später ließ Carina uns zum Bahnhof hinbringen und anschließend fuhren wir dann mit dem ICE mit voller schöner Erinnerung nach Hause. Es war ein großer Marathontag mit vielen Emotionen und das war überwältigend für alle. 

Zeitungsausschnitt vom REMSCHEIDER GENERAL-ANZEIGER (29.10.2018)




Strecke (Route)



Kommentare: 2
  • #2

    Robert Gruchmann (Samstag, 10 November 2018 09:10)

    Rob, da hast du ganz schöne Bericht gepostet , und wir freuen sich, dass unser KurFreund Dieter zum Ziel geschaffen hat. Danke !

  • #1

    Georgios Gerasimou (Samstag, 10 November 2018 02:45)

    Super Bericht und Bilder........Applaus Ann robert mit Begleitung Dieter als 1.Marathon Premiere erreicht......