37. Berliner Halbmarathon


Tempomacher und Stadtführer in einem Aufgabenpack für Dieter

Mein Laufgutschein an Dieter für die Teilnahme beim Berliner HM.
Mein Laufgutschein an Dieter für die Teilnahme beim Berliner HM.

Schon nach einer Woche von meiner letzten Teilnahme beim 36. Berliner Halbmarathon (HM) am 03. April 2016 war die Anmeldung fürs 2017 geöffnet. Das hat mein gehörloser Lauffreund Robert mir rechtzeitig gut informiert. Darüber war ich erstaunt, dass so kurzfristig war und schon fast ein Jahr im Voraus diese Anmeldung zur Verfügung stand. Ohne Zögern habe ich für meinen nächsten HM-Lauf angemeldet. Ich war froh, dass es alles geklappt hatte. Endlich konnte ich mit Robert zusammen am Start auftreten. Er ist ein waschechter Berliner und war noch nie selbst beim Berliner HM dabei. In diesem Zeitpunkt war ich noch nicht so „marathonreif“ gewesen, genau gesagt, leidenschaftlicher Marathonläufer.

 

Mit der langsamen Zeit war meine bisherige Marathonteilnahme immer mehr in den kurzen Abständen auffällig zu erkennen und im Vorsommer 2016 war ich damit dann mit dem Thema „Halbmarathon“ für mich erledigt. Ich habe meine Schmerzgrenze schon überschritten und ich konnte locker weitere nächste Marathonläufe mitmachen. Ein kleiner Haken war trotzdem für mich da! Meine angemeldete HM-Teilnahme im April 2017 war noch im Plan. Ehrlich gesagt, daran hatte ich mit dieser Teilnahme keinen Bock, weil ich dort schon zweimal bzw. die HM-Distanz für mich viel zu kurz war. Da sah ich leider gezwungen, trotzdem bei der 3. HM-Teilnahme mitzumachen. Anders ging es nicht, Absagen wäre keine vernünftige Alternative und schade um das gute Geld, 35 EUR war kein billiges Schnäppchen!

Im Juni 2016 bei meinem organisierten Drachenbootrennen in Wildau hatte ich endlich ein Wiedersehen mit Dieter aus Wuppertal und er war im Herbst 2015 ein ehemaliger Kurbekannter von mir. Ich fragte ihm nach seinem Interesse, ob er einmal in Berlin mit mir beim Halbmarathon antreten bzw. zusammenlaufen möchte. Er zeigte seine Interesse sofort und ich gab ihm ein einfaches

Freundschaftsangebot an, er könnte mit seiner Frau bei uns übers Wochenende übernachten und die HM-Teilnahme

geht dann auf mein komplettes Kosten. Er war mit allem begeistert und einige Tage später daheim hatte er für sein Halbmarathon-lauf gerade noch angemeldet. Das war wirklich ein Glück für ihn, denn es könnte schnell ausverkauft sein. Es ist stets bekannt, dass in Berlin mit der Anmeldung bei jeden Halb- und auch Vollmarathonläufen in kurzer Zeit wie frische Brötchen schnell vergriffen. Ich war sehr erleichtert, dass es alles geklappt hatte. Durch unseren Kuraufenthalt wurde unsere Freundschaft gut aufgebaut und bis heute haben wir einen sehr guten Kontakt.

 

Dieter kannte ich noch schon früher und er war zurzeit als aktiver ehrenamtlicher Technischer Leichtathletik-Leiter für Deutschen Gehörlosen-Sportverband (für die deutsche Nationalmannschaft) und gleichzeitig auch Technischer Leichtathletik-Direktor für European Deaf Sport Organization (EDSO). Im Jahre 1996 war ich bei den Deutschen Gehörlosen-LA-Meisterschaften in Marburg als

Speerwerfer anwesend und ich kannte Dieter persönlich nur vom Sehen. Ich war im aktiven Mitglied für den Berliner Gehörlosen-Sportverein (BGSV 1900) in der Leichtathletikabteilung. Mit dem Thema Laufen war ich noch nicht soweit. In seinem jungen Alter war er ein aktiver gehörloser Läufer und viele Male Rekorde (3 x 1000 m in der Halle, 2 Welt-, Europarekorde, mehrere Deutsche Rekorde in der LA in den 4 x 800 m und 4 x 1500 m Staffeln) sowie mehrmalige

Deutscher Gehörlosen-LA-Meister (Jugend, Männer und Senioren) geholt. Mein Respekt geht klar an ihm!

Genau am 1. März 2017 bekamen wir die E-Mail-Benachrichtigung, dass es mit den Vorbereitungen vom Veranstalter „SCC Events Berlin“ soweit alles im Griff hatte. Mit Dieter hatte ich nochmal kontaktiert, um die Feinheiten zum besonderen Event abzusprechen. Es schien so, dass unser Plan bisher gut abgelaufen war. Zwei Wochen später haben wir wieder per Email vom SCC Events Berlin die Startpässe sowie Startnummer in Papierform erhalten, ab da begann für uns der Countdown… Die Vorfreude war sicher gleich groß?!

 

Am Freitag um die Mittagszeit holte ich endlich mit 50 Minuten Verspätung Dieter mit seiner Frau vom Berliner Hauptbahnhof ab. Das war für uns vollkommen egal, denn unser Wiedersehen war die Freude größer als die enttäuschende Verspätung…

 

Gleich zur Marathonmesse „BERLIN VITAL“ in der großen Halle, unweit vom Park am Gleisdreieck, fuhren wir dahin und für Dieter war ein erstmaliges Erlebnis, so groß und vielfältig bot diese Laufmesse an. Die Abholabwicklung unserer Startunterlagen war problemlos und schnell ausgeführt. Kein Wunder, wir waren ja am Freitag um die Mittagszeit dort und da war noch nicht so viel wie am Samstag oder in der Feierabendzeit. Das habe ich mir bewusst entschieden. Im letzten Jahr war ich nach meinem Feierabend dort und es war schon viel bzw. ein wenig stressig für mich gewesen. Üblicherweise war in den letzten 10 Jahren der Standort für diese Marathonmesse in der großen Halle am ehemaligen Flughafen Berlin- Tempelhof. Seit letztem Jahr wurde die Laufmesse an diesem neuen Ort verlegt, denn die Aufnahme für die Kriegsflüchtlinge in der Tempelhofer Halle war notwendiger.

 

Alle drei gehörlosen Halbmarathonteilnehmer, die wir in der WhatsApp-Gruppe „Deaf Marathon“ gegenseitig kannten, haben

gemeinsam vereinbart, dass jeder in der Marathonmesse an der Tafel (Infostand von ADIDAS RUNNERS) unseren Vornamen aufschreiben sollten, es sollte als geschlossene Einheit für die Gehörlosenwelt zeigen. Aber es war für uns wirklich sehr schwer, seinen Namen dort zu finden. Robert war schon einen Tag vorher als Erster dort, da war an der Tafel noch genug Platz und leichtzu finden. Später waren durch die vielen Teilnehmer*innen voll an der Tafel. Er schickte uns trotzdem ein Foto als Hilfe zur leichten Erkennung dieser Tafel und der hörende Organisator hatte nach unserem Misserfolg bei der Suche locker die Markierung gefunden, wie peinlich für uns. Die Gehörlosenwelt leben natürlich visuell und da sollte jeder wirklich genug Übung haben.

Bei uns zu Hause zur Kaffeerunde hatte ich mein Versprechen mit einem Laufgutschein an Dieter gezeigt und er war froh darüber. Es kam noch ein gehörloser Lehrer namens Olaf aus Berlin (arbeitet in der Berliner Gehörlosenschule) zu Besuch, mit Dieter kannte Olaf aus seiner Schulzeit im Nordrhein-Westfalen. Das war ebenfalls seine schöne Überraschung mit diesem Wiedersehen. Abends waren wir beim Griechen essen und es war ein toller, stimmungsvoller Abend für uns gewesen.

 

Wir waren locker am Samstag viel unterwegs und bei der dreistündigen Schifffahrt an der Spree war das Wetter wahnsinnig sehr warm. Man konnte sehen, dass Berlin sich viel um sein Stadtbild verändert hatte. Anderseits machten wir uns etwas Gedanken, was könnte mit dem Sonntagswetter aussehen? Es soll leider wieder etwas kühler werden…

 

Nach dem lockeren Frühstück waren wir rechtzeitig am Bahnhof Zeuthen da und wir haben genug Zeitspanne bis zum Startbeginn. Auf der Hinfahrt kam später unser gehörloser Robert, der auch mit uns zufällig auf der Kur war, zwischendurch an und es gab noch einmal ein fröhliches Wiedersehen für Dieter mit Robert. Unser gemeinsamer Gebärdenklatsch hatte uns die falsche Fahrtrichtung geführt, so dass wir wieder zurückfahren mussten. Trotzdem konnten wir mit zehn minütigem Verlust mit der U-Bahn bis zum Strausberger Platz erreichen und wir hatten relativ unsere genügende Zeit. Ich hatte Dieter beim Frühstück mal darüber unterhaltet, dass ich aus meinen vielen Erfahrungen bei jeden Marathonteilnahmen oft bis zum Start keinen optimalen Ablauf hatte. Es gab

meistens ein paar kleine Pannen und deshalb meine Empfehlung an allen: Früher losfahren und ohne Hektik ankommen! - so spricht aus guter Erfahrung und das kannten viele Läufer sicher schon.

 

Am Starteingang gab für alle Teilnehmer*innen strenge Kontrolle und für uns war mit dieser Sicherheit sehr gut, so hatten wir unsere Gewissheit. Heutzutage ist es unberechenbar ohne nötige Sicherheit alles möglich, z.B. wie Terroranschlägen oder ähnliches… Daran hatte ich trotzdem bei jeden Laufwettbewerben nicht gedacht, denn die Angst war nie mein ständiger Begleiter.

 

Es wurde immer mehr am Startbereich zu sehen, es sollte über 30.000 Teilnehmer kommen und für einen kleinen Citylauf wie Halbmarathon war es schon viel zu viel. Vom Veranstalter war alles sehr gut aufgestellt wie z. B. die mobilen Toilettenkabinen waren genügend vorhanden, die Kleiderbeutelabgabe erfolgte an den parkenden Lkws vom Möbelunternehmen „Höffner“ - alles war im guten Überblick.


Als wir mit dem stressfreien Umziehen fertig waren, kam der 4. Läufer Thomas nach, der auch in Berlin wohnte und damit war die gehörlose Laufgruppe komplett da. Schnell ein schönes Gruppenfoto machen lassen und alle drei außer mir waren zum ersten Mal beim Berliner HM am Start. Einige wussten nicht, dass der Start nicht gleichzeitig abgeliefert wurde, sondern in den bestimmten Zeitabständen, um Läuferstau an den Straßen zu vermeiden. Einige sollten an den vorderen Startblöcken antreten, aber aus guter Kameradschaft wollten wir zusammen am letzten Block bleiben. Für mich war ein super Beispiel für Fairness. Die einmalige Neuheit war für mich, dass wir fast die letzte Läufergruppe und im Hintergrund keine weitere Teilnehmer*innen zu sehen waren. Sowas kannte ich bisher nie. Beim nächsten Mal wäre ich schlauer, ich käme eine Stunde später an, wenn ich am letzten Startblock auf-stellen müsste. Da brauche ich nicht zulange am Startblock warten.

 

Über 45 Minuten waren wir im lockeren Gehschritt endlich am Start und ab da lief dann jeder für sich selbst sein eigenes Lauftempo. Unabhängig von unseren Lauftempos sollte unser Treffpunkt nachher an der Café Moskau sein, Unsere weiblichen Begleitungen sowie meine Eltern sollten auch später dort nachkommen. Durch Zufall sah ich auf der anderen Straßenseite im Zielbereich die aufgehängten Finishermedaillen und ich sagte zu mir selbst, endlich mal was Schönes vom Berliner Halbmarathon. Bisher waren die

Erinnerungsmedaillen in den letzten Jahren sehr primitiv und nicht akzeptabel für eine Metropolstadt wie Berlin. Das war mein persönlicher Geschmack!

 

Es waren sehr viele Zuschauer*innen nach dem Startschuss zu sehen und es war für uns ein wunderbares Gänsehautfeeling.

Zu Dieter hatte ich vor dem Start schon angekündigt, dass ich locker an seinem Lauftempo anpassen werde. Nach 3 km erreichten wir endlich den Brandenburger Tor, das bekannte Wahrzeichen Berlins, und für alle Läufer*innen immer ein tolles Highlight, durch das Brandenburger Tor durchzulaufen.

 

Danach musste Dieter kurz im Tiergarten seine Pinkelpause einlegen. Immer locker an der Dieters Seite blieb ich abwechselnd beim Lauf und gab ihm einige bekannte Sehenswürdigkeiten von Berlin bekannt. An einigen Stellen ließ ich gern fotografieren, was es mir gefiel und Dieter lief ruhig weiter. So konnte ich gelassen zu ihm nachfolgen und wir hatten wirklich unseren Spaß an diesem Halbmarathonlauf. Vorbei an der Siegessäule (5 km) und am Ernst-Reuter-Platz (fast bei 7 km) waren einige Musikbände zu sehen.

Bis zum 9. Kilometer erreichten wir das Schloss Charlottenburg, wo wir dann in die südliche Richtung bekannter Kurfürstendamm weiterlaufen sollten. Zwischen dem 11. und 15. Kilometer waren viel los zu sehen, lautstarke Zuschauer und bunte fröhliche Musikbände und das waren richtig tolles Augenfutter für alle. Dieter lief weiter konzentriert auf seinen Lauffokus und mein Eindruck war so, dass es alles bei ihm noch gut lief. Dann kamen für uns einige leicht ansteigende Laufstrecken bis zum Potsdamer Platz angeboten. Sein Lauf wurde erheblich ein wenig belastender und wir ließen uns einen Gang zurückschalten. Sein Ziel war so, dass er unter 2:15 Stunden erreichen möchte. Ich schaute ab und zu mal auf meine Sportuhr und gab ihm Zeichen, dass es knapp mit

seiner gewünschten Zielzeit schaffen konnte. 


Davor hatte ich unterwegs ein paar bekannte Gesichter erkannt und ich nahm sie auf alle Fälle zur Erinnerung Fotos auf. Vorbei an meiner Arbeitsstätte (Bundesfinanzministerium) kamen wir nach 18 Kilometer am Checkpoint Charlie an, ein sehr bekannter Grenzübergang durch die Berliner Mauer zwischen 1961 und 1990, und es waren sehr viele Touristen unterwegs.

 

Ab 19 km an der Leipziger Straße war dann für Dieter sein schwerster Lauf, er musste viel durchbeißen und ich feuerte ihm immer wieder an, der Weg ist das Ziel und war nicht weit entfernt. Also, weiter durchhalten! Bei einem knappen halben Kilometer vorm Ziel fragte Dieter mich, wo unser Ziel zu erkennen war, denn der Kilometeranzeiger für 21 km war bis abgebogenen Ecke nicht zu sehen. Deshalb hatte Dieter nach dem Abbiegen bei 300 m Zielentfernung sich schnell entschieden, dass wir nun auf Vollgas bis zum Ziel laufen sollten. Das war für mich unbeschreiblich geil, mitten im schnellen Lauf bei laufender Videoaufnahme mit meinem Smartphone zu verfolgen.

 

Glücklich waren wir auf alle Fälle nach dem wunderbaren Halbmarathonlauf und konnten auf uns mit den superschönen Erinnerungsmedaillen stolz sein.  An den Schutzzäunen war unser fröhlicher Besuch für Dieter sowie für mich leicht zu erkennen. Die beiden Läufer Robert sowie Thomas waren schon längst da. Dieter hatte sich für mein schönes Laufgeschenk herzlich bedankt und

 

für ihn blieb auf alle Fälle in dauerhafter schöner Erinnerung. Alles mit diesem Lauftag hatte mir auch wunderbar gefallen und zusammen beim Sightseeing-Lauf machte mir noch mehr Freude und Spaß. Mit unserer Teilnahme hatte für uns auf alle Fälle sich gelohnt! Dafür hatten wir zum Glück ein ordentliches Laufwetter bekommen. …. Am Vorabend war dann für Dieter mit seiner Frau Susanne die Heimreise angesagt. Berlin bleibt nicht nur für Stadttouristen, sondern auch für alle Läufer eine Laufreise wert.


02.04.2017

Startzeit: 10:50 Uhr

Startnummer: 10070

Startgebühr: 35 EUR

Start: Berlin, Karl-Marx-Allee

Ziel: Berlin, Karl-Marx-Allee

 

Laufzeit: 2:14:53 min

Pace: 06:23 km/min

Herzfrequenz: 163

Rundenanzahl: 1

Kalorienverbrauch: 2291

Finisher: 25595 (für Läufer*innen)

Rang: 18862 (für Läufer*innen)

Wetter: 15 C, leicht bewölkt

Wind: ganz schwach

Höhenmeter:  205

 



Strecke (Route)


Kommentare: 3
  • #3

    Mario (Freitag, 23 November 2018 10:22)

    Wusste ich gar nicht, dass Dieter schon 2017 dort teilgenommen hatte. Freue mich auf jeden Fall auf den HM 2019 und Wiedersehen mit vielen Lauffreunden :-)

  • #2

    Robert (Deafrunner) (Donnerstag, 26 April 2018 20:20)

    Hallo lieber Jörg,
    danke und ja, weil es so schön war mit Dieter... Da sah ich einfach, dass man in diesem Bericht etwas mehr aufstellen konnte, auch wenn es nur ein Halbmarathonlauf war. Mir macht es einfach Spaß mit dem Bloggen und gebe gern Freude beim Laufen sowie beim Lesen mit meinen Begleitern weiter, warum nicht?`;o)
    LG Robert

  • #1

    Jörg Rosenbaum (Donnerstag, 26 April 2018 06:55)

    WOW, viele Bilder/Video und Daten � schönen Bericht von � mach weiter �